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Warum Impfungen trotz Kritik wichtig sind



Schwere Infektionskrankheiten sind heute selten geworden, auch dank der Impfungen. Trotzdem sehen viele Menschen Impfungen kritisch, und das ist durchaus verständlich. Viele der ehemals gefürchteten (Kinder-) Krankheiten sind heute nur noch abstrakte Gefahren, während die unzähligen Spritzen, Kinderarzttermine und die auch bei Impfungen nicht auszuschließenden Nebenwirkungen durchaus real sind.

Noch bevor Viren und Bakterien entdeckt und als Krankheitserreger erkannt waren, wurde schon gegen Krankheiten geimpft. So griff Ende des 18. Jahrhunderts der Arzt Edward Jenner eine bei Bauern kursierende Volksweisheit auf, nach der eine überstandene Erkrankung an Kuhpocken vor den echten Pocken schützen sollte. Er experimentierte mit dem Wundsekret von Kuhpocken an erkrankten Menschen, das er unter anderem an seinem eigenen kleinen Sohn ausprobierte. Mit Erfolg: Der Pockenimpfstoff wurde bald im großen Maßstab eingesetzt, woran das auch heute noch für den Impfstoff verwendete Wort „Vakzine“ (von vacca, lateinisch für Kuh) erinnert.

„Impfungen“ wurden aber schon viele Jahrhunderte zuvor von indischen und chinesischen Ärzten eingesetzt. Sie gewannen getrocknetes Wundsekret aus Pockenpusteln und spachtelten es zur Vorbeugung Gesunden in mit speziellen Messern angeritzte Hautstellen. Da das getrocknete Sekret immer eine Zeit lang abgelagert wurde, waren die Erreger geschwächt, d. h. sie lösten zwar eine Schutzwirkung aus, konnten das Immunsystem aber nicht mehr überwältigen.

Bei den Impfungen stehen sich zwei Ansätze gegenüber, die nicht einfach miteinander zu vereinbaren sind: die individuelle Vorsorge, die dem Einzelnen nützt, und die bevölkerungsbezogene Vorsorge, die allen nützt.

So wird die Rötelnimpfung beispielsweise auch für Jungen empfohlen, für die diese Erkrankung harmlos ist – schließlich gefährden Röteln „nur“ das ungeborene Kind im Leib der nicht geimpften Mutter. Als individuelle Vorsorge hat die Rötelnimpfung also für Jungen keinen Sinn, als bevölkerungsbezogene Vorsorge aber sehr wohl. Fällt nämlich der Anteil der Geimpften in der Bevölkerung, die so genannte Herdenimmunität, unter 85 %, so kann das Virus genug Menschen infizieren, um sich weiter auszubreiten. Dies wäre kein Problem, wenn tatsächlich alle Mädchen im fortpflanzungsfähigen Alter geimpft wären, was allerdings unrealistisch ist.

 

Viele der empfohlenen Impfungen haben eine solche Solidaritätskomponente: Keuchhusten z. B. ist vor allem für junge Säuglinge gefährlich; ältere Kinder und Erwachsene überstehen die Erkrankung fast immer ohne Komplikationen. Leider schützt die Keuchhustenimpfung aber erst nach der zweiten Impfung ab dem 4. Lebensmonat, sodass die Säuglinge vor dieser Zeit trotz Impfung gefährdet sind – gut also, wenn Eltern, Geschwister, Nachbarskinder und andere Kontaktpersonen gegen Keuchhusten geimpft sind.

Impfgegner (z. B. www.impfschaden.net) argumentieren ausschließlich mit der individuellen Vorsorgekomponente, die bevölkerungsbezogene Komponente wird als Argument nicht akzeptiert. So kann es passieren, dass in Kinder- und Schüler-Gruppen mit einem hohen Anteil an Kindern von Impfgegnern Epidemien (z. B. Masern) ausbrechen. Kinderärzte warnen vor den Folgen: Die Masern können gefährliche Hirnentzündungen verursachen.

Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt, dass 9 % aller Eltern an der Notwendigkeit von Impfungen für ihre Kinder zweifeln. 1 % ist sogar strikt dagegen. 44 % der 1000 Befragten haben zudem Angst, dass gängige Mehrfachimpfungen ihren Säugling überfordern.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass sowohl Krankheitserreger als auch ihre Träger sehr mobil sind. Selbst wenn viele Infektionskrankheiten in den Industrieländern fast ausgelöscht sind, können Erreger durch Reisende importiert werden. Das hat zur Folge, dass sich die Erkrankung in einer ungeimpften Bevölkerung rasch verbreitet.

Wie wirken Impfungen?

Wenn das Immunsystem mit einem Erreger konfrontiert wird, setzt es zunächst Abwehrzellen ein, die alles dem Immunsystem Unbekannte auffressen; daher auch der Name Fresszellen. Diese Fresszellen fressen aber nicht nur, sondern geben die „Identität“ eines Erregers auch an Gedächtniszellen weiter, die das immunologische „Täterprofil“ des Erregers identifizieren und speichern. Trifft das Immunsystem dann nach Jahren auf den gleichen Erreger, rufen die Gedächtniszellen ihr gespeichertes Wissen ab, und der Erreger wird mit schnell produzierten Antikörpern unschädlich gemacht.

Nach diesem Prinzip funktionieren Impfungen (Aktivimpfungen, Schutzimpfungen): Durch die Verabreichung eines toten oder geschwächten Erregers sollen die Gedächtniszellen des Immunsystems das Erregerprofil speichern, um den Erreger dann im Ernstfall ohne langes Warmlaufen sofort zu erkennen und unschädlich zu machen.

  • Abgeschwächte, aber noch lebende Erreger werden bei der Masern-, Röteln-, Mumps- und Windpockenimpfung eingesetzt.
  • Tote Erreger werden bei der Keuchhusten- und Polioimpfung verwendet. Bei der Impfung gegen Haemophilus influenzae B (HiB), Hepatitis B und Pneumokokken werden nur einzelne Bestandteile des (toten) Erregers geimpft (Regelimpfungen).
  • Nach einem anderen Prinzip funktionieren die Diphtherie- und Tetanusimpfungen. Bei diesen wird der von diesen Bakterien ausgeschiedene Giftstoff in abgeschwächter Form (Toxoid) gespritzt.

Bei den meisten Impfungen hat sich gezeigt, dass sich das Immunsystem den Erreger besser merkt, wenn es mehrmals mit ihm in Kontakt kommt. Deshalb werden fast alle Impfungen in bestimmten Abständen wiederholt.

Aber selbst dann, wenn nach drei oder vier dieser Grundimpfungen die volle Gedächtnisleistung erreicht ist, muss sie bei manchen Impfungen nach einer Reihe von Jahren immer wieder aufgefrischt werden. Solche Auffrischungsimpfungen (Booster-Impfungen) werden für Polio, Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten empfohlen.

Auffrischend wirkt selbstverständlich auch der Kontakt mit dem jeweiligen natürlich auftretenden Erreger. Diesen Kontakt zu minimieren ist aber gerade das Ziel von Impfungen. Aus diesem Grund werden heute Auffrischungen z. B. gegen Tetanus bereits bei der Einschulung von Kindern empfohlen.

Ob ein Schutz gegen eine Krankheit besteht (durch Impfung oder durch eine echte Infektion), lässt sich laborchemisch nachweisen. Dies wird z. B. bei Frauen genutzt, die schwanger werden möchten und deshalb sicher sein wollen, dass sie nicht an Röteln erkranken können; dies würde nämlich das Ungeborene schwer schädigen (Röteln-Embryopathie). Ist die laborchemisch gemessene Konzentration der Röteln-Antikörper ausreichend hoch, kann eine Frau auf die Auffrischungsimpfung verzichten.

Aktiv- und Passivimpfungen

Neben den Aktivimpfungen, die alle auf die Ausbildung eines Abwehrgedächtnisses zielen, gibt es noch die Passivimpfungen (Passivimmunisierung).

Bei der Passivimpfung werden dem Körper direkt die fertigen Antikörper (Immunglobuline) gespritzt, die das Immunsystem des Spenderorganismus (ein fremder Mensch oder ein Tier) zur Abwehr des Erregers zuletzt produziert hat.

Während es bei der Aktivimpfung oft Monate dauert, bis der Impfschutz erreicht ist, greifen Passivimpfungen schon nach wenigen Stunden bis Tagen. Sie werden daher vor allem dann eingesetzt, wenn eine ungeimpfte Person einem gefährlichen Erreger ausgesetzt war und nicht abgewartet werden kann, bis der Körper selbst ausreichend Antikörper gebildet hat (z. B. bei Schwangeren).

Der Nachteil ist allerdings, dass sich die gespritzten Immunglobuline im Blut auch schnell wieder abbauen und der Impfschutz nicht länger als wenige Wochen anhält.


08.10.2009 | Von: gesundheit-heute.de; Dr. med. Herbert Renz-Polster


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